14. November 2019 – 13.30 Uhr
Fachhochschule St.Gallen, Rosenbergstrasse 59

Soziale Arbeit und Raumentwicklung - Pespektiven, Prozesse und Positionierungen

Bauliche Verdichtung ist ein zentrales Gebot für die Raumentwicklung der Schweiz. Obwohl bauliche Verdichtung zum Schutz der Ressource Boden und der Landschaft gesellschaftlich akzeptiert ist, stossen zum einen konkrete Planungen und Projekte vielerorts auf Ablehnung. Befürchtet wird eine Abnahme von Freiflächen, die als soziale Räume für das gesellschaftliche Zusammenleben und für gesellschaftliche Teilhabe gelebt werden können. Neben räumlichen Auswirkungen der Verdichtung erleben zum anderen viele Menschen auch soziale Folgen der räumlichen Planung, etwa in Form von Verdrängung im Zuge von Sanierungen oder Ersatzneubauten im Wohnungsbau. Betroffen von den nachteiligen Konsequenzen sind heute nicht mehr nur marginalisierte oder machtlose Gruppen, sondern zunehmend auch Personengruppen, die der "Mitte der Gesellschaft" zugeordnet werden können.

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© FHS St.Gallen
© FHS St.Gallen

Mit diesem spannungsreichen Zusammenhang sind ganz unterschiedliche Akteurinnen und Akteure angesprochen, deren Handlungen direkte oder indirekte Konsequenzen auf das Zusammenleben der Menschen in konkreten Siedlungen haben beziehungsweise davon betroffen sind: Akteurinnen und Akteure der räumlichen Planung, der Immobilienwirtschaft und der Architektur sowie die betroffenen Menschen. Räumliche Entwicklungen im Allgemeinen und bauliche Verdichtung im Besonderen werden damit sowohl zu zentralen Kontextbedingungen als auch zu hochrelevanten Phänomenen für die Soziale Arbeit – gerade, weil sich neue soziale Fragen stellen. Doch wo kann beziehungsweise soll Soziale Arbeit mitgestalten? Lediglich bei der Abfederung der negativen Folgen, wenn beispielsweise bestimmte marginalisierte Gruppen als Verlierer von baulichen Verdichtungsprozessen adressiert werden – oder auch darüber hinaus?

(Re-)Produktion baulicher Verdichtung – sozialräumliche Vergewisserung
Aus sozialräumlicher Sicht ist bauliche Verdichtung kein gegebener Tatbestand, sondern wird von einer Vielzahl von Akteurinnen und Akteuren alltäglich "gemacht". Hinter dieser Sicht auf bauliche Verdichtung und ihrem gesellschaftlichen Kontext liegt ein relationales Raumverständnis, das die Aufmerksamkeit auf die Produktion und auf die Produzentinnen und Produzenten von Raum lenkt und damit den Prozess des Raumherstellens in den Mittelpunkt rückt. In aktuellen am IFSAR-FHS laufenden Forschungsprojekten im Spannungsfeld der Perspektiven Planung und Bauen auf der einen sowie Raumnutzung und soziales Zusammenleben auf der anderen Seite stellen wir fest, dass das "Soziale"nicht ausreichend in die Planung und Gestaltung von Räumen – und damit in die  Raumproduktion – einfliesst (anders als Aspekte des Verkehrs, des Bodens oder der Umwelt).
Die Sensibilität der Bevölkerung und das Bewusstsein bei den Akteurinnen und Akteure der Planung für die Zusammenhänge zwischen raumplanerischen und sozialräumlichen Themen, etwa wenn es um Fragen des Zusammenlebens, der Wohn- und Freiraumqualitäten oder der Mobilität geht, scheint zu wachsen. Dies gilt umso mehr, als Raumentwicklung heute immer seltener auf der "grünen Wiese" stattfinden und durch die öffentliche Hand "top down“ gesteuert werden kann. Raumentwicklung findet vielmehr in bestehenden Siedlungs-, Eigentums-, und Sozialstrukturen statt. Die Auseinandersetzung mit vielfältigen Interessen und die kollektive Aushandlung von Lösungen sind kein "nice-to-have" mehr, sondern zwingend notwendig für eine nachhaltige Raumentwicklung.

Gleichwohl werden sozialwissenschaftliche und sozialarbeiterische Zugänge in der Regel nur punktuell einbezogen, etwa wenn es Widerstände gegen Bauvorhaben gibt, wenn verschiedene Grundeigentümerinnen und -eigentümer überzeugt werden sollen oder wenn Bürgerbeteiligungsverfahren verlangt werden. Das gilt auch, wenn Räume von sozialen Gruppen anders genutzt werden als geplant, oder wenn Nutzungskonflikte zwischen Gruppen (in Folge von Fehlplanungen) gelöst oder die Folgen von Verdrängungsprozessen bewältigt werden müssen. Sozialräumliche Aspekte werden nach wie vor selten über einen ganzen Prozess hinweg berücksichtigt – nicht zuletzt, weil sie insbesondere zu Beginn wenig greifbar und messbar, aber auch wenig institutionalisiert sind; Expertinnen und Experten "des Sozialen" sind selten in raumplanerischen Fachgremien vertreten, sodass soziale Raumqualitäten nicht verbindlich definiert und in Planungsgrundlagen verankert sowie bei der Planung und Beurteilung von Projekten berücksichtigt werden.

Zentrale Anforderungen für die Soziale Arbeit
Müsste Soziale Arbeit sich bereits bei den Entstehungszusammenhängen baulicher Verdichtung einmischen? Und in welchem Moment werden Klientinnen und Klienten der Sozialen Arbeit als relevant in baulichen Verdichtungsprozessen adressiert?
Gelingt es, "das Soziale" ganz anders thematisierbar zu machen und konsequenter in die Entwicklungsprozesse von Gestaltung miteinzubeziehen? Welche Rolle oder Rollenveränderung für respektive von Sozialer Arbeit hätte das zur Folge? Wie sollte diese Rolle in professioneller Hinsicht ausgestaltet sein?
Wie kann das im Zusammenspiel mit anderen Akteurinnen und Akteuren gelingen? 

Serie: Raum – Espace

Das Institut für Soziale Arbeit und Räume der FHS St. Gallen (IFSAR-FHS) entwickelt auf Basis laufender und abgeschlossener Forschungsarbeiten fünf übergeordnete Thesen zu den Zusammenhängen und Schnittstellen von Raumentwicklung im Kontext baulicher Verdichtung und Sozialer Arbeit. Basis hierfür sind laufende und abgeschlossene Forschungsarbeiten, welche sich aus sozialräumlicher Sicht unterschiedlichen Facetten dieser Zusammenhänge und Schnittstellen widmen, zum Beispiel in den Themenfeldern öffentlicher Raum, Wohnumfeldqualitäten und -planung, Gentrifizierung aus Sicht der Betroffenen, professionelle Gestaltung des Zusammenlebens in Wohnsiedlungen und Quartieren, Verankerung sozialräumlicher Aspekte in Prozessen der Raumentwicklung. 

Die Thesen werden den eingeladenen Fachpersonen im Vorfeld zugestellt, mit der Aufforderung, einen Kommentar dazu vorzubereiten. 

Die Veranstaltung selbst umfasst drei Teile: 

1) Kurze Einführung in die Thesen durch das IFSAR-Team (ca. 45')

2) Kommentare der eingeladenen Fachpersonen (ca. 15' pro Kommentar)

Pause 

3) Publikumsdiskussion (ca. 90') unter der Leitfrage: Was bedeutet das Gehörte für Soziale Arbeit? Welche (neuen) Aufgaben ergeben sich im Kontext der baulichen Verdichtungstendenzen der Schweiz allenfalls für Soziale Arbeit? Und was folgt daraus gegebenenfalls für deren professionelles Selbstverständnis?